Die Rheinpfalz vom 30.1.2018 (Artikel als PDF)

Tilman Lichdi und Anette Fischer-Lichdi schaffen eine fesselnde Klangwelt in Schuberts „Winterreise“

VON KONSTANZE FÜHRLBECK

Ein ungemein packendes Erlebnis war Tilman Lichdis Interpretation von Franz Schuberts Liedzyklus „Die Winterreise“ D 911 nach Gedichten von Wilhelm Müller am Sonntagnachmittag im Horst-Eckel-Haus. Begleitet wurde der Tenor von der Pianistin Anette Fischer-Lichdi.
Atmosphärische Dichte zeichnete diesen Liedvortrag von der ersten bis zur letzten Sekunde aus. Die 24 Lieder, die Franz Schubert 1827 komponierte, ein Jahr vor seinem frühen Tod, zeichnen keine Handlung nach, sondern fangen Stimmungsbilder und Stimmungen ein. Und für jede davon fand Tilman Lichdi einen authentischen Ausdruck, hatte er eine eigene Stimme. „Beseelt“ könnte man seine Gestaltung nennen, wenn dieses Wort nicht oft vorschnell mit Kitsch assoziiert würde. Aber Lichdis Interpretation bewegte sich fernab von gefühlsseligem Kitsch, sie ließ vielmehr die unterschiedlichsten Gefühlswelten zum Leben erwachen.
Ganz in der Tradition der Romantik durchlebt ein „Lyrisches Ich“ hier auf einer Reise durch eine unbestimmbare Winterlandschaft ohne festes Ziel Stationen seines Lebens. Wie in einem Kaleidoskop schimmern sie auf, Zeitgrenzen verwischen sich dabei. Erinnerung oder Aktualität spielen keine Rolle, sie durchdringen sich, nur das Gefühl ist hier wichtig. Und das ließ Tilman Lichdi mit seinem schlank geführten, schlackenreinen, lyrischen Tenor immer wieder hervortreten, seine reflektierte und gleichzeitig leidenschaftliche Gestaltung lotete auch die feinsten Schattierungen mit bedingungsloser Hingabe an die Musik aus. Da war kein mentaler Vorbehalt, keine Distanz zwischen Musik und Künstler, er lebte die Musik in dem Augenblick, in dem er sie sang. Anette Fischer-Lichdi am Flügel war ihm dabei eine kongeniale Begleiterin, die ihrerseits in einer ständigen Interaktion mit ihrem Partner stand, Impulse gab, Emotionen ausschattierte und nachklingen ließ. Kein Ton, keine Note war beliebig in ihrem Spiel, sie ergänzten sich immer mit dem Gesang Lichdis zu einer fesselnden Klangwelt fernab bloßer Illustration. Technisches Können und Gestaltungskunst verbanden sich aufs Harmonischste im Zusammenspiel dieser beiden Künstler. In tiefer Leidenschaft wühlten sich Stimme und Klavier in die Musik hinein, Natur- und Seelenlandschaften gingen unvermittelt ineinander über. Nostalgische Liebeserinnerungen und bitterste Enttäuschung fanden sich in der „Wasserflut“, in der die Gedanken fast manisch um die verlorene Liebe kreisten. Die beiden Künstler woben in dieser Ballade einen Sog, dem sich keiner der 130 Zuhörer entziehen konnte. Dann brach sich ein verzweifelter Protest Bahn, kraftvoll, mit aufbegehrendem Ausdruck. Mit seinem klaren, wandlungsfähigen Tenor erwies sich Tilman Lichdi hier als singender Schauspieler, sanft und kraftvoll zugleich. Verhaltene Emotionen bebten in dem Lied „Auf dem Flusse“, der stockende Rhythmus, der das Lied „gegen den Strich“ bürstete, unterstrich die unterdrückte Leidenschaft mit ihrem bitter-sarkastischen Unterton. Spannung lag nahezu greifbar in der Luft, sie knirschte in den Worten des Sängers, die er sich regelrecht von den Lippen rang, bis sie in vollen Klängen aus ihm herausbrach, mit sicherer, sonorer Höhe. Sich überstürzende Leidenschaftlichkeit und wehmutumflorte Erinnerung prägten den „Frühlingstraum“, als singender Erzähler präsentierte sich Tilman Lichdi in „Einsamkeit“. In seiner leisen, klaren Stimme vibrierte auch hier verhaltene Spannung. Kontrastreich stellte der Tenor hier mit höchster Modulationskunst ein verklärtes Idyll einer herben Enttäuschung gegenüber. Fiebrige Erwartung pochte in den forschen Rhythmen der „Post“, doch die nächsten Lieder brachten mit ihrer unruhigen Bewegung und ihrer Resignation die Antwort. Die Stimmungsschwankungen von jubilierender Hoffnung bis zu von Bitterkeit überschatteter Todessehnsucht spiegelten sich ungekünstelt in Tilman Lichdis ausdrucksstarker Gestaltung wider. Feinste Nuancen in der Stimme des Interpreten zeichneten das Panorama einer Wirtshausszenerie nach, in der zunehmend innere Unruhe voll latenter Spannung zum Vorschein kam, überschattet von Verlustängsten. Kraft und Trotz eines gegen das Schicksal aufbegehrenden Prometheus klangen dagegen aus „Mut“, beschwörende Eindringlichkeit, aber auch Bangen zeichneten die in visionärer Schau gesungenen Worte „eine Straße muss ich gehen, die noch keiner kam zurück“ in den „Nebensonnen“ aus. Und wie einen Abgesang auf das Leben mit seinen Höhen und Tiefen ließen Tilman Lichdi und Anette Fischer-Lichdi in der gezwungenen Lustigkeit des „Leiermanns“ eine faszinierende Reise durch musikalische Seelenlandschaften ausklingen.

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