Winterreise Klavier - Lichdi Records

Die Empathie der Interpreten

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Badische Zeitung von Alexander Dick

Mo, 22. Januar 2018

Tilman Lichdi und Anette Fischer-Lichdi mit Franz Schuberts „Winterreise“ beim Foyerkonzert im Herzzentrum Bad Krozingen.

Natürlich hat Tilman Lichdi recht. Schuberts „Winterreise“ verträgt eigentlich keine Zugabe. Doch Richard Strauss’ Opus 27/4, das der Tenor und seine Klavierbegleiterin Anette Fischer-Lichdi für den Abschluss ihrer sehr gut besuchten Matinee im Foyer des Herzzentrums Bad Krozingen ausgesucht haben, kann man auch als Referenz an den Ort verstehen: „Und morgen wird die Sonne wieder scheinen“. Das ist natürlich ein tröstenderer, zuversichtlicherer Abschluss als Wilhelm Müllers Schlussvers: „Wunderlicher Alter, soll ich mit dir gehn?“

So endet Lichdis „Winterreise“ nicht in fahlen Quinten, sondern im milden Licht Straussischer Spätromantik. Wobei deren von großen Zäsuren und Rubati getragene tiefe Nachdenklichkeit auch einen Hauch der Resignation in sich trägt. Die Pianistin und der Tenor jedenfalls legen diese quasi subkutan in ihre Interpretation – eine Kunst, die auch ihre vorausgegangene „Winterreise“ so hörenswert macht.

Tilman Lichdis heller, an Lied und Oratorium geschulter lyrischer Tenor, kommt dem Idealtypus eines Interpreten dieses Liederzyklus’ sehr nahe. Der Obertonreichtum seines Gesangs lässt besonders die Mittellage ganz innig aufblühen und trägt den Vokalklang mühelos fort – nie wirkt diese Stimme angestrengt.

Das hat freilich viel zu tun mit der ganz hinreißenden Begleitung am Klavier. Anette Fischer-Lichdis Spiel ist von Feinsinnigkeit bestimmt – mit exzellent austariertem Anschlag, hoher Transparenz, nicht zuletzt auch dank äußerst sparsamen Pedalgebrauchs. Beim bewegten „Rückblick“ kommen diese Tugenden voll zum Tragen, der Klaviersatz bleibt bemerkenswert luzide, die Harmonien wirken nie zu dick aufgetragen.

Diese „Winterreise“ verrät aber auch eine sehr durchdachte, ausgegorene Lesart. Das Schubertische Grundmotiv des Wanderns greifen die beiden Interpreten sehr sorgfältig auf, lassen so den Subtext der Musik deutlich entfalten. Das Schreitmotiv verändert sich ja im Lauf der Erzählung des lyrischen Ichs; sein Weg führt – ausweglos – in die vollkommene Isolation. Die Schlüsselrolle, die dem Lied „Der Wegweiser“ hier zukommt, unterstreichen die beiden Interpreten, in dem sie die Tempovorgabe „Mäßig“ extrem deuten: Zurückhaltender, langsamer, als oft zu vernehmen, machen sich Lichdi und Fischer-Lichdi auf den Weg, nicht erbarmungslos und hart. Sowohl das Klavierspiel wie auch der sehr intim geführte Tenor sind hier getragen vom Geist des Mitfühlens, der Empathie. Und wenn Lichdi in den letzten Takten „eine Straße muss ich gehen, die noch keiner ging zurück“ singt, glaubt man seine Erfahrung mit den Evangelisten-Partien der Oratorien zu verspüren: Er trägt die Handlung – und ist berührt von ihr. Dass das ansteckend wirkt – man spürt es.

Ab sofort erhältlich unsere CD mit der Winterreise:
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