Süddeutsche Zeitung

Tenor Tilmann Lichdi und Gitarrist Klaus Jäckle begeistern das Publikum im Tölzer Marionettentheater. Die Interpreten zeigen Schuberts Liedzyklus „Winterreise“ in einer seltenen Konstellation – ohne Klavier

Von Sabine Näher, Bad Tölz

Es ist ein Rätsel: Manchmal bevölkern ganze Heerscharen Veranstaltungen. Die wunderbar subtile Kunst des Liedgesanges muss sich dagegen häufig mit weniger Publikum begnügen. Das mag zum einen daran liegen, dass viele gar nicht wissen, was sie sich unter einem Liederabend vorzustellen haben. Es könnte auch darin begründet sein, dass in dieser Kunstgattung mehr als in jeder anderen die herausragende Qualität der Interpreten unabdingbar ist für den Genuss.

Denn der hat nur seine Stimme und seine Gestaltungskraft, um den Hörer zu fesseln. Kein Kostüm, keine Requisite, keine Aktion. Deshalb kann auch ein gefeierter Opernsänger auf dem Liedpodium scheitern. Mit seiner Interpretation von Schuberts Liederzyklus „Winterreise“ überzeugte jedoch der Tenor Tilman Lichdi im Tölzer Marionettentheater am Freitagabend. Er brachte alles mit, was der Liedinterpret braucht: Er hat eine perfekt geführte, wohlklingende Stimme mit einer ganz leicht baritonalen Färbung, eine vollendete Textdurchdringung und eine starke Bühnenpräsenz. Er steht still, ohne große Geste, legt allen Ausdruck in die Stimme. Genau so soll es sein.

Und, um diese Definition des legendären Liedsängers Peter Schreier zu benutzen: Er singt mit den Augen. An diesen lässt sich ablesen, wovon er singt. Schreier war es auch, der vor 30 Jahren schon Schubert-Liederabende mit dem Schweizer Gitarristen Konrad Ragossnig gab, statt des Konzertflügels also das intime, der Hausmusik verpflichtete Instrument wählte. Erstaunlich wenige haben es ihm seither nachgetan. Im Tölzer Marionettentheater boten Lichdi und sein Gitarrist Klaus Jäckle die seltene Gelegenheit, Schuberts Liedzyklus „Winterreise“ in dieser Konstellation zu erleben.

Die Gitarre kann den Klaviersatz nicht eins zu eins abbilden, das heißt, es ist eine Reduktion des Notentexts erforderlich. In einigen Liedern wird dem Hörer, der den Flügel im Ohr hat, etwas „fehlen“. In anderen dagegen lässt der subtile Gitarrenklang zarte Farben entstehen, die am Klavier so nicht herzustellen sind. So erlebt der Zuhörer eine andere „Winterreise“, die eine neue Sicht auf das Werk erschließt. Mit Lichdi und Jäckle ist dies ein ganz spannendes, lohnendes Unterfangen. Im Eingangslied „Gute Nacht“ gleich der erste Fallstrick: Ein Strophenlied. Wer hier nicht abwechslungsreich gestalten kann, erzeugt Langeweile. Erste Herausforderung perfekt gemeistert! „Die Wetterfahne“ bringt eine virtuose Gitarre und einen stringent fokussierenden Sänger.

In den „Gefror’nen Tränen“ malt die Gitarre das klirrende Eis. Ob der Textdichter Wilhelm Müller diese Reise eines unglücklich Verliebten mit einer gewissen ironischen Distanz schuf, ist umstritten, aber auch unerheblich. Denn Franz Schubert, der den Text in Musik setzte, meinte es ernst. Todernst. Das stellt die Interpreten, vor allem aber den Sänger, der den Text transportiert, vor eine Herausforderung. Er muss die todtraurige Intensität erreichen, ohne zu übetreiben und die Gefühle der Lächerlichkeit preiszugeben.

Dieser Spagat will nicht jedem gelingen. Lichdi meistert ihn bewundernswert. Sein Liebesweh erschüttert den Zuhörer. Erst spürt man seinen Schmerz wie einen Vulkan, bei dem es unter der Oberfläche brodelt („Ich such‘ im Schnee vergebens nach ihrer Tritte Spur“), dann lässt er seine Erinnerungen an die Geliebte warm und zärtlich aufleuchten („Ich träumte von bunten Blumen“) und wird unbarmherzig in die eisig kalte Gegenwart zurück geholt.

Der Schlusssatz des „Frühlingstraums“ („Wann halt‘ ich mein Liebchen im Arm?“) bringt eine kaum zu ertragende Mischung aus Schmerz, Sehnsucht und Verzweiflung. Lichdi schafft eine Intensität, die weh tut. „Die Post“ zeichnet eine Situation, die bei heutiger Allerreichbarkeit via Handy und e-mail kaum mehr vorstellbar ist: Die Qual des Wartens auf einen Brief – der nicht kommt. „Die Krähe“ zeigt das Abgleiten in die Verbitterung: „Krähe, lass mich endlich seh’n Treue bis zum Grabe!“ Die Todessehnsucht klingt bei „Im Dorfe“ an: „Ich bin zu Ende mit allen Träumen. Was will ich unter den Schläfern säumen…“ Die „Täuschung“, geradezu beängstigend intensiv, lässt den Wahnsinn aufblitzen. „Der Leiermann“, hier passt die Gitarre perfekt für die fahlen, jenseitigen Klänge, führt den Wanderer in den Tod. Lichdi reduziert sein Singen, geht fast in Sprechgesang über. Genial. Und erschütternd. So herrscht intensiv empfundene Stille, ehe die Zuhörer ihre Emotionen in heftigen Beifall strömen lassen.