Unterm Diktat des Metronoms

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Markus Schwering – Kölner Stadtanzeiger
Peter Dijkstra fegt im Eiltempo durch das Weihnachtsoratorium von Bach

„Jauchzet, frohlocket“ noch kurz vor Silvester? Das mutet fast wie die fünfte Kerze im Adventskranz an. Indes spannt sich, kirchenjahreszeitlich gesehen, der Bogen des Bach’schen Weihnachtsoratoriums, genauer: sämtlicher sechs Kantaten, bis zum Fest Epiphanias am 6. Januar. Insofern war die Komplettaufführung durch den Niederländischen Kammerchor und Concerto Köln unter Peter Dijkstra in der Kölner Philharmonie keine Veranstaltung post festum. Das Publikum empfand das augenscheinlich genauso und hatte sich zahlreich eingefunden – um einer Darbietung beizuwohnen, deren Brillanz und Virtuosität in allen Belangen kaum zu übertreffen sein dürfte.

Größte Bewunderung verdient zumal der Profichor aus dem Nachbarland, dessen satt-substanzreiche, entspannte, gleichsam geerdete Klangschönheit ihresgleichen sucht. Artikulatorische Präsenz, Koloraturenfertigkeit, Durchhörbarkeit (etwa der Fugeneinsätze im Eröffnungschor der fünften Kantate) – all das ist großartig, hier schlägt technisches Können in eine neue Qualität der künstlerischen Performance um. Üblicherweise richtet der Kritiker seine Aufmerksamkeit auf die hohen A’s der Soprane, die hier mit panikfreier Selbstverständlichkeit in die vokale Linie eingebunden kamen. Diesmal fiel indes besonders auf, wie klangsouverän die fünf Tenöre ihren Part versahen. Von wegen „nur Mittelstimme“!

Bei den Solisten schoss ob der blutvollen Gegenwärtigkeit und Ausdrucksgewalt seiner Darstellung der – als Evangelist wie Ariensänger eingesetzte – Tenor Tilman Lichdi bei weitem den Vogel ab. Vor seinen im Verein mit der großartigen Flötistin Cordula Breuer absolvierten Koloraturen in der Arie „Frohe Hirten“ konnte man schon niederknien. Die Sopranistin Dorothee Mields, die für die erkrankte Hannah Morrison eingesprungen war, ist eine mit allen Wassern gewaschene Barock-Expertin, deren Stimme aber für die Philharmonie tendenziell zu klein kommt. Tadellos agierte der Bassbariton Andreas Wolf, während der Counter Maarten Engeltjes nicht nur in mittlerer und tiefer Lage zu kämpfen hatte, sondern die Frage nahelegte, warum die Altpartie hier überhaupt mit einem Altus besetzt werden muss. Erwartbar exzellent agierten die Musiker von Concerto Köln, unter denen die Holz- wie Blechbläser und die Continuo-Gruppe um Markus Märkl (Orgel, Cembalo) hervorgehoben sei.

Diesem Lob hat leider ein großes „Aber“ zu folgen – Virtuosität und technisches Können sind halt gerade bei diesem Werk nicht alles, ja wahrscheinlich nicht einmal die Hälfte. Wer die sechs Kantaten in knapp drei Stunden (eingeschlossen dabei eine längere Pause in der Mitte) und ohne alle Striche absolviert, der muss ein sportives Tempo draufhaben. Genau dies war hier der Fall: Die Sätze im Dreiermetrum zum Beispiel – wie die Eingangschöre zum ersten und dritten Teil – mutierten, bei stärkster Betonung der Takt-Eins und Vernachlässigung der übrigen Taktzeiten, zu Schnellwalzern.

Ist das angemessen?

Ist es nicht: Tänzerische Beschwingtheit gerade in diesem Kontext in Ehren, aber mit Hast und Hetze sollte sie nichts zu tun haben. Die angezogene Gangart schädigte auch ein zentrales Stück wie die Schlummer-Arie der zweiten Kantate in ihrem doch immerhin deutlich komponierten Trance-Charakter – wie soll ein Säugling bei derart zugiger Musik schlafen? Nicht verschwiegen sei, dass Dijkstras Interpretationslinie gerade die Evangelistenrezitative (die Märkl, warum eigentlich?, am Cembalo, nicht am Orgelpositiv begleitete) – etwa die Schilderung des erschreckenden Königs Herodes – unter einen so überraschenden wie eindrucksvollen dramatischen Strom setzten, darob man fast schon an die Johannes-Passion denken konnte.

Das wäre okay gewesen, wenn Inseln der Ruhe, des Verweilens, des Ausschwingens gefolgt wären. Das aber geschah nicht (eine Ausnahme war freilich der in einer suggestiv-verzaubernden A-cappella-Version gesungene Choral „Ich steh an deiner Krippen hier“), vielmehr ließ das ständige Einheits-Allegro auch kaum mehr Möglichkeiten einer differenzierenden Binnengestaltung.

Dabei schreit die Informationsdichte der Bach’schen Partitur von Haus aus nach einer Anverwandlung, die wesentlich mit Besinnung und Versenkung zu tun hat.

Der Schreiber dieser Zeilen wird hoffentlich nicht sentimentaler Voreingenommenheit bezichtigt, wenn er feststellt: Flotte Abwicklung unter dem Diktat des Metronom-Teufels ramponiert diese Musik in der Substanz, auf der Strecke bleiben Dringlichkeit, Rührung und innerliche Ansprache. Der Hörer findet es toll – und zuckt mit den Achseln.

Schade, der Niederländer und frischgebackene Kölner Hochschulprofessor ist – das hat er als Chef des Bayerischen Rundfunkchores bewiesen – ein großartiger Chorleiter. Das zeigen übrigens auch seine mit jenem produzierten Bach-Aufnahmen. So gibt die partielle Metierverfehlung in der Philharmonie Rätsel auf.

– Quelle: https://www.ksta.de/29417766 ©2018

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