Perfektion erschließt musikalische Abgründe

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Die Camerata Lichdi mit Schuberts Winterreise

Drei Monate nur trennen uns von Franz Schuberts Liederzyklus „Die schöne Müllerin“, die der Tenor Tilman Lichdi und Annette Fischer-Lichdi im Frühsommer so beeindruckend interpretiert haben. Und nun im Herbst, im brechend vollen Beheim-Saal der Musikschule Weinsberg, eine doppelte Premiere. Die CD-Produktion der „Müllerin“ ist erschienen – und das Duo wagt sich erstmals gemeinsam an die „Winterreise“.
Fünf Jahre trennt die Entstehung der beiden Liedzyklen – und Welten. Eine der großen Herausforderungen für jeden Sänger, für jeden Begleiter. Schuberts Spätwerk reißt alle Vorhänge weg, mit denen wir gerne den Tod zu verhüllen suchen. Und schon beim ersten Lied, „Gute Nacht“ lässt die Pianistin den Sänger nicht ungestört einsichtsvolle Resignation weich-romantisch aussingen. Gnadenlos pocht das Klavier sein Totentanz-Ostinato, selbst wenn tenorales Pianissimoschwelgen die verlorene Geliebte zu verklären sucht. Das darf nicht gut enden!
Es ist dieses kluge Reflektieren eines über Jahrzehnte aufeinander eingespielten Duos, das wieder und wieder unerbittlich die Textinterpretation des Sängers seziert, paraphrasiert, bloß stellt, eine zweite Ebene erfahrbar macht, hinter der Todesabgründe auftauchen. Ein so luzides Dialogisieren kann nur gelingen wenn beide Partner über einen ebenso vielfältigen wie perfekten Reichtum an Interpretationstechniken verfügen. Bestechend, die oft von Ton zu Ton sich klug und schlüssig wandelnde Anschlagsgestaltung des Klaviers, ebenso die immense Variationsbreite des Sängers, die Fähigkeit, stets exakt eine stimmige Tonfärbung, dynamische Entwicklung, Deklamation der Texte zu treffen. Kann es ein größeres Lob für die Künstler geben als dieses: in ihrem Konzert haben wir völlig Neues in diesem altbekannten Werk entdecken dürfen, wurde uns Schuberts Genialität ergreifend vermittelt.
Der Platz reicht nicht aus, um all dieses so erhellende Hinterfragen jedes Tones, beklemmend überdeutliche Aufleuchten-lassen in Musik erfahrbarer Emotionen, die spannenden Überraschungen jeder neuen Phrase angemessen zu würdigen. Nur z.B.: diese Unterhaltung mit einer klug reflektierenden Krähe. Schließlich: wie Tilman Lichdi beim abschließenden „Der Leiermann“ den Boden entziehend alle Taktsicherheit verrutschen lässt, seine Töne einfach nicht so enden wollen, wie es sich gehört (wie man es so oft gehört). Wem da nicht die jähe Nähe des Todes kalte Schauer über den Rücken treibt……
Solche Resignation scheinen selbst die Musiker kaum ertragen zu können. Schier nicht enden wollendem Applaus und Bravo-Rufen antworten sie mit dem hoffnungsfreudigen „Morgen“ von Richard Strauss. Das passt! Diesem Duo leuchtet gewiss eine große, glückhafte Zukunft.